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Venske & Spänle, „Voyage congolaise“

Bekannt machen möchte ich Sie an diesem Vormittag mit einer eigentümlichen Population, die offenbar in den letzten Tagen diesen Ausstellungsraum des Kunstvereins Würzburg in Beschlag genommen und Spannendes zu erzählen hat. Es sind tropfenartige Gebilde mit höchst angespannter, geradezu draller Außenhaut. Mit ihrer weiß schillernden, diaphan gleißenden Oberfläche reflektieren sie das Licht in den Umraum zurück. Zwar sind sie nicht mit Bewegungsorganen ausgestattet, doch ist recht unschwer ein Vorne und Hinten auszumachen. So identifizieren wir eine einfache Fältelung als Mund, der sich fast lächelnd, auf jeden Fall mit einem sympathisch anziehenden Ausdruck uns zuzuwenden scheint. Wir möchten so etwas wie ein Gesicht erkennen, folglich auch so etwas wie einen Charakter, eine Persönlichkeit, in der wir uns einfühlend Bekanntes und Vertrautes auszumachen suchen. Kaum bezwingen wir den Drang, uns diesen über den Boden schleichenden Wesen anzunähern, sie zu ertasten und zu erkunden. Bei Berührung stellen wir verwundert fest, dass es sich nicht um ein organisch weiches Material handelt, sondern um steinharten Marmor, der sich durch nahezu makellose Weiße auszeichnet. Bis zu einer maximalen Oberflächenspannung ist das Material bearbeitet worden, gemeißelt, geschliffen und poliert, so dass die Falten durch eine innere Energie aufgeworfen zu sein, die Haut wie lebendig zu pulsieren scheint.

Dringen wir weiter in den künstlerischen Kosmos des in München und New York lebenden Bildhauerduos Venske & Spänle ein. Deren bevorzugtes Material ist Lasa Marmor, dem durch die langwierige Bearbeitung eine Wirkung organischer Weichheit abgewonnen wird, so dass man nahezu geneigt ist, zu glauben, es handele sich um aus einem Kunststoff gegossene Formen. Venske & Spänle haben sich ausgehend von „Droplets“, einfachen tropfenförmigen Gebilden einen komplexen Gestaltenkosmos geschaffen, der sich quasi biologisch in „Smörfs“, „Gumpfoten“, „Helotrophen“ und „Orophyten“ untergliedert. Diese Formengenealogie lässt sich in einem Stammbaum mit vielfältigen Verzweigungen und immer komplexer werdenden Haupt- und Nebensträngen nachzeichnen. Einer Cartoon-Figur vergleichbar wecken die „Smörfs“ Empfindungen von Sympathie und Zuneigung, das Bedürfnis, eine Geschichte mit ihnen zu verknüpfen, vielleicht gar Freundschaften zu schließen, mit dem „Smörf“ einen haustierähnlichen Begleiter, vielleicht gar einen Partner zu finden. Hier prägt sich eine Beziehung aus, die den Winckelmannschen Begriff von Skulptur, das humanistische Konzept „edler Einfachheit und stiller Größe“ bei weitem aufsprengt und in einem Brückenschlag von „High and Low“ ganz unterschiedliche Konzeptionen von Kunst berührt. Gleichsam lautmalerisch bringt der Name der „Smörfs“ durch seinen Klang eine zärtliche Sympathieempfindung zum Ausdruck. Neugierig scheinen diese Wesen ständig in Bewegung zu bleiben, ihr Umfeld zu sondieren, in immer neue Bereiche vorzustoßen. Die „Smörfs“ dringen bis in unser Alltagsleben vor, um sich mit dem persönlichen Leben ihres „Halters“ zu verbinden. Die „Helotrophen“ haben diese parasitäre Verschmelzung mit einem Wirt, mit Wänden, Dingen, Gefäßen oder Gehäusen – einem Einsiedlerkrebs vergleichbar – bereits vollzogen. Die „Gumpfoten“ haben sich hingegen ganz skulptural an einen festen Ort gebunden, haben sich niedergelassen, sind zur Ruhe gekommen, um aber durch immer neue Faltenbildungen Prozesse der Spaltung und Erneuerung perspektivisch vor Augen zu führen.

Bestandteil der bildhauerischen Arbeit von Venske & Spänle ist neben der Darstellung und Entwicklung dieser formalen Genealogie folgerichtig die Herbeiführung und Dokumentation von Begegnungen, so wie sie sich aus der Ansiedlung von „Smörfs“ in neuen politischen, religiösen und kulturellen Kontexten einstellt. Zunächst sind es Messen, Kunstgalerien und Museen, in denen es zu solchen Erfahrungen kommt. Bei Aktionen und Interventionen im öffentlichen Raum werden Zufallspassanten zu Mitakteuren und dialogischen Partnern. Auf Reisen in die verschiedenen Kontinente, nach Asien, Australien, Afrika, Nord- und Südamerika werden die „Smörfs“ und deren Abkömmlinge zu Mittlerfiguren in einem kulturellen Austauschprozess. Dementsprechend bezieht sich die sich zu unseren Füßen tummelnde Gruppe von „Smörfs“ auf eine Fototapete mit einer im Kongo aufgenommenen Szene. Der Fährmann eines Einbaums bewegt sich in Richtung eines halb versunkenen Lastkahns auf dem Kongo. Zwei auf dem gekenterten Schiff platzierte „Smörfs“ werden hier von zwei Einheimischen geborgen, um gleichzeitig die Brücke zu den im Kunstverein gruppierten Objekten zu schlagen. So dokumentiert das Motiv, wie den beiden vielleicht in Seenot geratenen Wesen Asyl und Schutz gewährt wird, ein Bild der Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber dem Fremden. Der Fototapete gegenüberliegend, vertieft der Film ‚Voyage Conglaise` den Einblick in diese wiederum dem westlichen Betrachter fremde Welt. Aus der Perspektive eines Schiffes gleiten Ufer, Menschen und weitere Schiffe an uns vorbei. In zwei Erzählsträngen bringt der Film uns die Menschen, die Landschaft und insbesondere auch die Musik als wichtigsten Kulturträger des Landes näher. Durch den Klang der Musik, den Gesang der Menschen werden wir in den Sog der zentralafrikanischen Musikmetropole Kinshasa hineingezogen. Geistergleich erscheinen und verschwinden auf den vorbeigleitenden Booten „Gumpfoten“. Diese scheinen sich wie horchend in das Umfeld hineinzutasten, um Land und Leute voller Neugier und Interesse, offen und frei aller Vorurteile zu erkunden und zu erforschen. Von den Einheimischen werden sie wie selbstverständlich hingenommen, kaum weiter beachtet, um uns jedoch zu veranlassen, sich mit ihnen zu identifizieren, gemeinsam mit ihnen das Land zu verstehen und zu begreifen, in diese Kultur einzudringen und an ihr Anteil zu nehmen. Parallel zu diesem Erzählstrang werden die beiden auf dem gekenterten Lastkahn geborgenen „Smörfs“, die uns ja schon auf der Fototapete begegnet sind, von den Menschen des Landes beschrieben, herumgefahren und zu den verschiedensten Zwecken in den Dienst genommen, wie ein natürlicher Bestandteil ihres Alltags und ihrer Kultur. Die Sprache der eingeblendeten Sprecher bleibt uns zwar weitestgehend unverständlich; doch deutlich und eindringlich nachvollziehbar wird hier die Mittlerrolle des uns vorgehaltenen „Smörfs“, der in seiner sympathischen Erscheinung – wie ein Katalysator – eine wechselseitige Annäherung befördert. Einer der beiden „Smörfs“ ist so auch als Geschenk im Kongo verblieben, getauscht gegen zwei Fetische, die – als Stellvertreter der zurückgelassenen Skulptur – nun auch, neben weiteren aus dem Kongo mitgebrachten Geschenken, Fundstücken und Andenken, Teil der Ausstellung geworden sind. So vermittelt der Film ein Bild von Afrika jenseits der durch die Massenmedien beförderten Clichés, das Bild eines Landes, das zwar durch Gewalt, Armut und Korruption gezeichnet sein mag, aber doch durch Musik und eigene Kulturtraditionen seinen Stellenwert in der globalen Gegenwart – selbstbewusst und eigenständig – zu bestimmen sucht.

Eine weitere Erfahrungsebene eröffnet sich in der Ausstellung über eine 3D-Animation. Eine Beamerprojektion öffnet den Ausstellungsraum in eine virtuelle Raumerweiterung. Es vermittelt sich die uns durchaus beunruhigende Illusion, der Lastkahn sei in eine schwankende und schaukelnde Bewegung versetzt, um so auch einen „Smörf“ aus der stoischen Ruhe zu bringen, ihn quietschend und knatschend durch den Raum gleiten zu lassen. Angespornt durch die im Film miterlebte Flussreise befürchten wir, die Arte Noah und mit ihr der Kunstverein Würzburg habe den sicheren und doch so ruhigen Ankerpunkt in Würzburg verlassen. Offenbar hat sie sich auf hohe See begeben, um andernorts, im Kongo oder in ganz neuen Weltgegenden anzudocken. Vielleicht gibt uns die Fototapete ja auch einen Ausblick auf das weitere Geschehen, eben auf die nach einer Schiffshavarie in Seenot geratenen und als Überlebende dieser Katastrophe notdürftig gestrandeten, dann aber auch geretteten „Smörfs“.

So sind in dieser Ausstellung drei mögliche Erfahrungsebenen in komplexer und vielschichtiger Form ineinander verschränkt. Zum Einen sind die Skulpturen in einer für den zeitgenössischen Kunstkontext mehr oder weniger vertrauten Manier ausgestellt. Die Fototapete und der Film ‚Voyage Congolaise“ vermitteln demgegenüber einen Rückblick auf eine Flussreise, die Gregor Spänle vor wenigen Wochen gemeinsam mit zwei „Smörfs“ tatsächlich im Kongo unternommen hat. Die in den Film durch Animation eingebrachten „Gumpfoten“ geben der filmischen Dokumentation die Bedeutung einer interkulturellen Begegnung, die durch den symbolischen Austausch von Kunstobjekten mehr als eine Bereicherung, eher schon eine wechselseitige Einfühlung in die je andere Kultur herbeiführen konnte. Die virtuelle Raumerweiterung, die ins Wanken geratene Arte Noah scheint schließlich auch unser Wertesystem, uns vertraute Betrachtungsweisen von Kunst aus dem Lot zu bringen. Der uns als „white cube“ geläufige Ausstellungsraum ist in Seenot geraten. Das skulpturale Objekt, das wir nur zu gern haptisch erfahren, auch besitzen möchten, entzieht sich unserem Zugriff, unterliegt einer permanenten Metamorphose seiner äußeren Gestalt. Dauerhaft und endgültig ist es offenbar dem ihm aus so viel Begrifflichkeit und Theorien gemauerten kulturellen „Elfenbeinturm“ entfleucht, um eine ganz neue Rolle einnehmen zu können, als Kulturträger und –vermittler zwischen verschiedenen Kulturen, als Medium der Begegnung und des Dialogs, so wie es ja im Kongo, doch auch schon andernorts und immer wieder überraschend geschehen ist. Mit den Augen der „Smörfs“ werden wir die Welt, unsere globale Wirklichkeit sicherlich ganz neu und ungewöhnlich erfahren können. Die weiteren Reiseberichte von Venske & Spänle sollten wir also mit großer Spannung und Neugier auch in Zukunft erwarten.

Dr. Christoph Kivelitz, Würzburg im Oktober 2009

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